Blitzmerker mit Torschlusspanik

Sonntag war High Life mit Tuten und Blasen im Kanzleramt. Über die Mauer aus dem Kanzlergarten hervor quoll schmetternd der Radetzkymarsch, das Volk ging taktklatschend mit und bejohlte anschließend sich und die Kapelle wie bei einem Rockkonzert. So schlecht kann es dem Land nicht gehen, dachte ich, und eilte schmissig beschwingt voran zum Brötchenholen. Dort in der Schlange wurde meine Laune gleich noch besser, als ich über die Schulter des Vordermanns hinweg das Titelblatt der taz erspähte, mit Oskar Lafontaine und der Frage: „Rettet er die SPD?“

Kommt das nur mir so vor oder sind jetzt irgendwie auf einmal ein paar nicht ganz unwichtige Leute vergleichsweise lieb zu Oskar? Es begann mit dem Sommerinterview in der ARD, ein Interview so mit richtigen, brauchbaren Fragen und echtem antworten dürfen. Lafontaine konnte sein Glück gar nicht fassen und blickte immer wieder misstrauisch in die Runde: Wo ist der Haken, wann kommt das dicke Ende, wann beginnt das Bashing? Eilig bemühte er sich, möglichst viel politischen Inhalt unterzubringen, unter anderem durch mitreißendes Aufzählen von Gesetzentwürfen. Wer weiß schließlich, wann sich das nächste Mal so eine Gelegenheit bietet.

Dann, vor zehn Tagen, das Interview in der Zeit. Wie zuvor schon die ARD listet das Blatt brav alle wichtigen Ämter auf, die Lafontaine früher einmal hatte, ganz entgegen den ausdrücklichen Empfehlungen von Rita Kimmkorn. „Hingeschmissen“ war offenbar gestern. Leider missversteht Lafontaine das Thema seines Rücktritts vor zehn Jahren noch immer als Zeitverschwendung und verschenkt wertvolle Punkte. Dafür hält es die taz am Sonntag auf dem Titelblatt für möglich, dass „Er“ die SPD rettet, und spendiert einen Themenschwerpunkt zur Saarland-Wahl, in dem Wolf Schmidt Rot-Rot-Grün an der Saar zur letzten Chance für die Sozialdemokraten erklärt. Die Spitzen und Gemeinheiten gegen Lafontaine und Die Linke halten sich dabei beinahe schon im parteipolitisch üblichen Rahmen, so dass man nach langer Zeit endlich wieder emotionale Kapazitäten frei hat, um sich über linksfreundliche Leserkommentare aufzuregen, die spektakulär das Thema verfehlen.

Fast wie bestellt erklärte der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier vorgestern in der der Rheinischen Post: „Eine SPD-Regierungsbeteiligung im Saarland, Sachsen oder Thüringen kann für die SPD im Bundestagswahlkampf einen Positivtrend begründen.“ Oder war es am Ende gar umgekehrt? War es Steinmeier, der vorab bestellt hat, und waren es die Journalisten, die geliefert haben? Wen immer es auch gezogen hat und wer dahinsank, Gründe für einen Kurswechsel gibt es auf beiden Seiten: Es wird bitter eng für Sozialdemokraten, die weiter regieren wollen, aber auch für solche, die weiter senden und klug daherschreiben wollen. Ein paar Blitzmerker haben das jetzt offenbar mitbekommen.

Genau genommen ist es für beide Gruppen bereits fast zu spät. Ein heraufziehendes großes Übel nicht rechtzeitig als solches erkennen zu können, weil man es sich, so lange es noch klein war, zu gründlich schöntaktiert hat, dieses Risiko ist untrennbar mit einem Lebensentwurf verbunden, der so oder so ähnlich in praktisch allen Parteien, Behörden und Anstalten vorherrscht. Sich stets für das „kleinere Übel“ zu entscheiden, ist eben nicht nur die nüchtern-abgeklärte politische Strategie, für die es ausgegeben wird, sondern auch eine charakterliche Disposition, die man im Fall der SPD am besten schon aus dem Elternhaus auf die erste Juso-Versammlung mitbringt, wenn man es in der Partei lange genug aushalten möchte, um etwas zu werden. Sich stets für das „kleinere Übel“ zu entscheiden, bedeutet vor allem, sich nicht zu entscheiden, keine Risiken und schon gar keine Konflikte einzugehen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich meiner genetischen Bestimmung, Mitglied dieser Partei zu werden, knapp entgangen bin.

Der neue Tagesbefehl aus dem Willy-Brandt-Haus ändert nicht das Geringste an der geltenden Beschlusslage der SPD in Bezug auf die Linkspartei. Dass die Landesverbände „in eigener Verantwortung“ über Koalitionen entscheiden, galt auch schon letztes Jahr, als die Roland-Koch-Besiegerin Andrea Ypsilanti in Hessen bei ihrem Versuch, eine rot-rote Landesregierung auf die Beine zu stellen, mit freundlicher Unterstützung aus der SPD-Bundesebene aus dem Amt gemobbt und kurz darauf der damalige Parteivorsitzende Kurt Beck wegen „Feigheit vor dem linken Feind“ zurückgetreten wurde. Er wurde ersetzt durch – Frank-Walter Steinmeier. Der tut nun genau das, weswegen er Beck gestürzt hat – mittlerweile allerdings ein paar Prozentpunkte weiter unten. Politischer Durchblick sieht anders aus. Wie überaus gelegen kommt es jetzt immerhin, dass auch die vier „Helden“ der hessischen SPD, die die Regierungsbildung letztes Jahr platzen ließen, kürzlich FAZ-offiziell zu „Schurken“ umdeklariert wurden.

Wer seinen Job beim Öffentlich-Rechtlichen der Protektion durch die SPD verdankt, hat ebenfalls die beste Zeit hinter sich, wenn nächsten Monat schwarz-gelb an die Macht gelangt und die Partei ohne jede Koalitionsperspektive in der Opposition der Selbstzerfleischung anheim fällt. Und ähnlich unattraktiv gestalten sich in diesem Fall die Zukunftsaussichten für grüne Politik, denn dass die Parteibasis schwarz-grüne Landesregierungen lange mitmacht, ist natürlich ausgeschlossen, egal was für ein Pokerface der eine oder die andere in dieser Frage in der Öffentlichkeit versucht hat aufzusetzen.

All das hätte man sich selbstverständlich auch überlegen können, bevor man einen Oskar Lafontaine regierungsunfähig schreibt, aber bitte. Nun seht halt zu, wie Ihr das bis Sonntag wieder hinkriegt. Mit so ein paar Artikelchen ist es jedenfalls nicht getan. Wenn Sonntagabend das nominelle Mitte-Links-Lager tatsächlich real werden sollte, wird die bürgerliche Seite anschließend auf Bundesebene vermutlich mit einem Lagerwahlkampf vom Feinsten reagieren, um mal den Begriff Medienhetze für heute zu vermeiden. Das müsst Ihr dann natürlich durchstehen, ansonsten braucht Ihr für einen solchen Dreifachsprung gar nicht erst Anlauf zu nehmen.

Advertisements

Eine Antwort zu “Blitzmerker mit Torschlusspanik

  1. Pingback: Leseempfehlungen des Tages – 27.08.09 « Der AmSeL-Gedanke Plus = Gemeinschaft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s