Willkommen in russisch Sizilien

… sollte diese Plakatserie eigentlich einmal heißen. Das ist diplomatisch nicht korrekt, politisch auch nicht. Hätte mich aber nicht gestört, ist ja Satire. Außerdem trifft es tatsächlich irgendwo mein Gefühl: »Zustände sind das hier…!« Das ist nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin und gegen das ich viele Jahre lang so fröhlich demonstriert habe. Das ist nicht mein Deutschland, wie ich es kenne. Mein Land wurde abgeschafft, und jetzt vermisse ich es irgendwie. Ich bin heimatvertrieben, ich will mein Land zurück!

Bis die Achse bricht
Original-Hintergrundbild: Sebastian Terfloth

Nein, der wahre Grund ist ein anderer. Mir war einfach nicht nach lustig. Ich habe mich beim Schreiben des Plakattextes irgendwie selbst aufgewiegelt und beschlossen, dass ein wenig Pathos hier durchaus angebracht ist. Schließlich hat es bereits Tote gegeben, und es werden mehr werden, wenn dieser Laisser-faire-Wahnsinn nicht aufhört.

Ich stehe manchmal kopfschüttelnd vor solchen Ereignissen und frage mich, was sich die verantwortlichen Leute eigentlich so dabei denken. Laxe Gesundheitskontrollen, die uns Gammelfleisch bescheren – auch ein geeignetes Thema für diese Plakatserie – sind schlimm genug. Aber wenn ein tonnenschwerer Stahlträger vom neu gebauten Berliner Hauptbahnhof fällt und Politik und Staatsanwaltschaft anschließend seelenruhig abwarten, bis sich die Beteiligten umständlich darauf geeinigt haben, wer von ihnen denn nun genau dafür zuständig, wenn auch natürlich völlig schuldlos ist, dann ist das noch einmal eine ganz andere Ebene. Es hätten ebenso gut 30 Leute drunterstehen können, auch wenn Sturm war.

Und warum haben die Verantwortlichen bei der Berliner S-Bahn nicht reagiert, nachdem das Eisenbahnbundesamt ihre Züge beanstandet hatte? Was immer man diesen Menschen und dem Bahnvorstand an Bösem unterstellen mag, sie haben ja auch einen erheblichen finanziellen und Ansehensverlust für die Bahn riskiert. War es Realitätsflucht? Aus Verzweiflung den Kopf in den Sand gesteckt? Oder haben sie darauf gebaut, dass die Politik sie schon irgendwie aus ihrer misslischen Lage befreien und nicht zulassen wird, dass ein Großteil ihrer Flotte, wenn es hart auf hart kommt, stillgelegt wird? Gab es vielleicht sogar entsprechende Hinweise darauf, und hat sich die Politik womöglich nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, von dem das nächste Bild stammt, kurzfristig umentschieden, weil sie kalte Füße bekommen hat? Auch in Köln hatten die Ermittlungsbehörden ja lange Zeit die Ruhe weg, gemessen daran, dass soeben inmitten einer deutschen Großstadt ein ganzes Haus in der Erde versunken war

Bis sich die Balken biegen
Original-Hintergrundbild: Karin Fischer

Ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr sich in diesem Land mittlerweile die Balken biegen, bot der Einsturz eines erst vor wenigen Jahren gebauten Supermarktes in Falkensee bei Berlin. Dr. Ing. Hans-Peter Andrä, Präsident der Bundesvereinigung der Prüfingenieure für Bautechnik, beschrieb in einem Interview mit dem RBB, das leider nur noch in Auszügen bei den Nachdenkseiten zu finden ist, wie so etwas passieren kann: »Die Bauminister der Länder (…) haben in ihren Landesbauordnungen (…) diesen Umfang des Prüfens in den letzten Jahren deutlich reduziert, haben auch die Bauordnungen oder die Bauordnungsämter entsprechend reduziert, auch personell reduziert – da ist niemand mehr da! (…) Es ist bekannt, dass diese Dachkonstruktionen weitestgehend ausgemergelt sind, dass auch die Verbindungsmittel dieser Fachwerkholzkonstruktionen minimiert sind – man sagt dann ja eher optimiert, aber man muss sagen, sie sind minimiert -, und dass da keine Sicherheitsreserven sind.«

Man hat den Eindruck, sie fahren das ganze Land gegen die Wand, um einmal den »patriotischen« Eingangsgedanken dieses Beitrags wieder aufzunehmen. Herunterwirtschaften bis auf die Substanz, die heruntergekommene Substanz anschließend fett beleihen und das ganze Geld dann an der Börse verzocken – vom letzten Punkt einmal abgesehen, hätte Günter Mittag das kaum besser hinbekommen können, hätte man ihm etwas mehr Zeit gegeben.

Neben dem »primären Extremismus« derjenigen, die offen oder heimlich dafür eintreten, diese oder jene Mitbürger totzuschlagen und an die Wand zu stellen, gibt es ja auch noch einen erweiterten, »sekundären« Extremismusbegriff für Menschen, die es gut meinen und eine Idee vertreten, die sich gut und gerecht anhört, in der praktischen Umsetzung dann aber so miserabel funktioniert, dass äußerste Gefahr für Leib, Leben und Menschenrechte besteht. Das betrifft nach offizieller Lesart praktisch durchweg Sozialisten und Marxisten, die auch dann vom Verfassungsschutz beobachtet werden, wenn sie sich ausdrücklich zu Demokratie und Menschenrechten bekennen. Nimmt man dieses Kriterium ernst, dann müssten sich unsere regierenden Laisser-faire-Extremisten mit ihrer Erfolgsbilanz freiwillig zur Beobachtung bei ihrem eigenen Verfassungsschutz melden.

Bis das Fass überläuft
Original-Hintergrundbild: Joe Mabel

Vollkommen neu ist das Prinzip Marktextremismus freilich nicht. Wo lokaler Baufilz herrscht, kann man es schon seit vielen, vielen Jahren beobachten, Einstürze von Eislaufhallen inklusive. Ebenso ist es scheinbar eine unverzichtbare Voraussetzung für die Existenz der Atomindustrie, wie man in Asse sieht. Was neu ist in unserer Zeit, ist die flächendeckende Einführung und die quasi religiöse Verklärung dieses Prinzips in Presse, Funk und Fernsehen. Wer früher so etwas gemacht hat, war schlicht und einfach korrupt und wusste das auch. Heute treten die Verantwortlichen in Talkshows auf und möchten von uns als Weltenlenker und Wirtschaftsführer gepriesen werden. Schließlich geschehe das alles ja nur zu unserem Besten, frei nach dem Motto: »Aber ich liebe Euch doch, alle liebe ich Euch.« Igitt!

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