Lafontaine beleidigt Rita Kimmkorn

Einen Vorteil hat es ja wenigstens, dass die Meinungsmache in den Medien mittlerweile derart absurd auf die Spitze getrieben wird: Es ist einfacher geworden, die Funktionsprinzipien anschaulich darzustellen. Und fast wie bestellt flattert mir soeben exklusiv folgende Eilmeldung ins Haus:

Lafontaine beleidigt Rita Kimmkorn

Ein wahrhaft beschämender Vorfall. Die arme Frau. Die Solidarität der Demokraten gebietet, dass wir den Text des Artikels nachfolgend ungekürzt dokumentieren. Die ARD hat für morgen eine ganztägige Brennpunkt-Sondersendung angekündigt. Bitte scheuen Sie sich nicht, die Menschen in Ihrer Umgebung auf diese Ungeheuerlichkeit aufmerksam zu machen. Zeigen Sie Gesicht!

* * *

In einem einfühlsamen Exklusivinterview mit sich selbst nahm die beliebte Fern­sehjournalistin Rita Kimmkorn gestern erstmals Stellung zu den jüngsten Entglei­sungen des Oskar Lafontaine. Sachlich, und ohne sich in geringster Weise in den Vordergrund zu spielen, schilderte sie in einer mehrstündigen Son­dersendung, in die sie sich selbst als einzi­gen Gast eingeladen hatte, immer wieder schluchzend den Augenblick, als Lafontaine die Nerven verlor. Von Noras Herrchen

»Besenkammerjournalismus! Noch nie in meinem Leben bin ich so gedemü­tigt worden. Sicher, ich wusste, wie gerne er im Mittelpunkt steht und dass er dem Druck einer unbestechlichen Qualitätsjournalistin wie mir nicht lange standhalten würde. Aber auf so etwas war ich nicht gefasst.« Ver­stohlen wischt sie sich eine Träne aus dem Auge.

»Als Profi ist man natürlich nicht nachtragend. Da tritt man nicht nach und heult sich wochenlang auf dem Sender öffentlich aus. Daher haben mein Intendant und ich auch beschlossen, dass eine Brennpunkt-Sondersendung pro Tag bis zu den Wahlen zu diesem Thema wohl ausreichend ist. Außerdem ist hier auch ein wenig Taktgefühl gefragt, bestimmte Grenzen dürfen bei aller Härte in der Sache nicht überschritten werden. Sie wissen schon, wegen der Sache damals…« Sie beugt sich vor und flüstert: »Das Attentat. Er ist seitdem einfach nicht mehr der­selbe.« Sie tippt sich vielsagend an die Stirn.

Eine seriöse Journalistin wie Kimmkorn schweigt natürlich eisern, wenn es um die Quellen für diese brisanten Informationen geht. Aber sie gibt einen verschlüsselten Hin­weis: »So viel kann ich sagen: Ein ehemaliger Bundeskanzler und mehrere hochrangige SPD-Politiker haben mir anvertraut, dass Oskar Lafontaine verantwortungslos und unzuverlässig ist. Der Kanzler hat ihn nicht auf seinem Leder­sessel sitzen lassen, darum war er beleidigt und hat hingeschmissen. Und nun frage ich Sie: Wel­ches Interesse sollten vollkommen neutrale und unbeteiligte Beobachter wie diese daran haben, die Unwahrheit zu sagen? Kann man sich glaub­würdigere Zeugen vorstellen?«

Natürlich nicht, und deshalb verbreiten ja auch wir und alle anderen führenden Medien des Landes diese unüberprüfbare, einseitige Version vom Rücktritt Oskar Lafontaines als Bundesfinanzminister im März 1999 zu Recht so, als wenn es die Wahrheit wäre. Ebenso unzweideutig ist auch das Meinungsbild in der Saarbrücker Bevölkerung, die auf den Marktplatz geströmt ist, um Kimm­korn noch in der Sendung ihre Unterstützung zu bekunden: »…und dann haben Oskar und ich uns hingeschmissen vor Lachen«, gibt einer unum­wunden zu, während ein anderer die Kritik an Lafontaine auf den Punkt bringt: »Ich finde es nicht gut, wenn die Leute immer überall ihr Zeug einfach so hinschmeißen.« Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Und das hier, mitten im Oskar-Land. Kein Wunder, dass Lafontaine da die Nerven verliert.

»Wissen Sie«, sagt Kimmkorn nachdenklich, »vielleicht tun wir gut daran, einen Teil der Schuld für seinen tragischen Zustand auch bei uns zu suchen. Haben wir ihn nicht immer wieder in seinem verworrenen Selbstbild bestärkt, indem wir all diese Ämter übermäßig ernst genommen haben? Ich meine, ich bitte Sie, Ministerpräsi­dent des Saarlandes« – sie rollt die Augen – »Ist das nicht so etwas wie Weinkönigin? Und die SPD macht ja bekanntlich ohnehin jeden Dahergelaufenen zum Kanzlerkandidaten.«

Kimmkorn selbst ist dieser Vorwurf allerdings nicht zu machen. Bereits im letzten Bundestagswahlkampf ließ sie sich keinen Augenblick durch Lafontaines politische Biografie von der eigentlichen Kernfrage ablenken: »Wie wollen Sie denn etwas erreichen, wenn Sie immer gleich zurücktre­ten?«, fragte sie Lafontaine in einem Fernsehinterview im Jahr 2005 nahezu wörtlich. Das war nicht ohne Risiko, denn genau genommen war es gelogen, und in ihrem damaligen, von Alt-68ern geprägten Arbeitsumfeld hätte diese Lappalie leicht als billiger Vorwand für eine politisch motivierte Abmahnung dienen können. Aber ihr Arbeitgeber entschied sich überraschend, mit formalistischen Traditionen zu brechen und auf einen zeitgemäßen, meinungsfreudigen Journalismus zu setzen. Später bekam sie sogar eine eigene Sendung.

Rita Kimmkorn erklärt es so: »Das sind zuläs­sige journalistische Techniken, um ein Thema aufzubereiten und zuzuspitzen,« sagt sie. »Gerade in Wahlkampfzeiten schalten viele Erst­wähler oder Menschen ein, die sich sonst nicht regelmäßig für Politik interessieren. Die wissen gar nicht, was einer wie Lafontaine alles für Ämter hatte, von denen er nicht zurückgetreten ist, und das ist gut so. Das spart uns eine Menge Arbeit. Warum sollten wir die ganzen Fakten erst alle aufzählen, nur um den Wählern dann hinterher mühsam begreiflich zu machen, warum sie Lafontaine trotzdem gefälligst nicht wählen sollen? Das kann man genauso gut abkürzen. Lässt sich so auch viel besser senden«, sagt sie und kichert.

Diese Frau ist einfach ein Vollprofi. Das scheint man auch im hessischen Staatsausschuss zur Führung und Aufsicht Magischer Vermächtnisse so zu sehen. Angeblich gilt die beliebte Journalis­tin dort als heiße Kandidatin für die Nachfolge des derzeitigen ZDF-Intendanten. An dessen Zuverlässigkeit und Belastbarkeit waren ja in jüngster Zeit Zweifel laut geworden. Eines ist in jedem Fall klar:

Wenn es um Oskar Lafontaine und die Linkspartei geht, sollte man immer auch zwischen den Zeilen lesen.

Artikel als PDF-Datei ansehen (76 KB)

Advertisements

7 Antworten zu “Lafontaine beleidigt Rita Kimmkorn

  1. rofl.

    grossartig!

  2. Vielen Dank für das satirische Stück. Anders läßt sich dieser Mist nicht ertragen.

    • Noras Herrchen

      Genau so sieht’s aus. Ich habe damit ja auch ursprünglich aus therapeutischen Gründen angefangen…

  3. Ich höre diesen Namen R. K. (Schauder) das erste Mal. Das ist der Vorteil, wenn man auf die Glotze verzichtet. Ansonsten.

  4. Ein Brandenburger

    Immer noch die alte Rita Kimmkorn wie sie leibt und lebt. So wie wir sie aus ihrer Zeit im Tagespropheten kennen. Immer gut für Verdrehungen und Verleumdungen.

    Ich würde mich freuen, wenn Noras Herrchen für seine lesenswerten Texte eine etwas größere Schrift verwenden würde.

    • Noras Herrchen

      Hallo Brandenburger. Ich habe die beiden textlastigen Artikel – Kimmkorn und Ozeanien – jetzt ein wenig größer gemacht, danke für den Hinweis. Ist alles etwas mühsam, weil mein Blog nur Economy-Klasse ist und ich alle Layout-Sonderwünsche zu Fuß in HTML eingeben muss.
      Übrigens habe ich gestern (Samstag) so gegen 12 erneut versucht, einen Kommentar zu dem Artikel zu senden – wieder nix. Was ich nicht verstehe: Selbst wenn ein Kommentar aktuell nicht freigeschaltet werden kann, weil gerade kein Redakteur Dienst schiebt, um ihn zu prüfen – warum geht er dann sang- und klanglos verloren anstatt in der Warteschlange zu verbleiben? Bei mir hier wäre das nicht so.
      Ich versuche es morgen noch einmal. Wenn es dann wieder nicht klappt, gehen mir langsam die Möglichkeiten aus, nicht an Absicht zu glauben. In diesem Fall würde ich dann zum Beispiel nachsehen müssen, ob andere Kommentare zu anderen Artikeln zu Uhrzeiten freigeschaltet wurden, an denen meine Kommentarbemühungen gescheitert sind. Für heute gilt jedoch noch: Nicht aufregen.

  5. Ein Brandenburger

    Nun ist die Schriftgröße hervorragend für meine alten Augen 😉 .

    Zur taz:
    Im Gegensatz zu manchen Blogs bekommt man nicht angezeigt ob ein Kommentar in die Warteschlange eingereiht wurde und auf den Moderator (Redakteur) warten muß.
    Wenn nach Eingabe des Captcha und drücken auf „Absenden“ das Kommentarfenster leer ist, dann kann man davon ausgehen, daß der Kommentar in die Warteschlange eingereiht wurde und nun der Moderator (Redakteur) über die Veröffentlichung entscheidet. Der kann den ganzen Kommentar akzeptieren, zensieren oder auch garnicht veröffentlichen.

    Wenn der Text noch im Kommentarfenster steht wurde wahrscheinlich das eingegebene Captcha nicht akzeptiert und das Abschicken muß mit einem anderen Captcha wiederholt werden.

    Wie ich festgestellt habe, wurden ab Sonnabendmittag keine Kommentare mehr freigeschaltet.

    (Mein Kommentar von heute 15.45 Uhr wurde schon freigeschaltet.)
    http://tinyurl.com/taz-Internetsperren

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s